Mehrere Tausend Menschen im beschaulichen Kurort

lichtsicht 5 – Projektions-Biennale
18.  September 2015 – 7. Februar 2016 

Am Freitag, den 18. September 2015 wurde die lichtsicht 5 – Projektions- Biennale in Bad Rothenfelde eröffnet. Zu diesem fulminanten Großereignis der Projektionskunst waren mehrere Tausend Menschen in den beschaulichen Kur- ort bei Osnabrück angereist. Weltbekannte Künstler wie Robert Wilson und William Kentridge sorgen für große Aufmerksamkeit in der Kunstwelt und den Medien.

Zwischen Robert Wilson und Peter Weibel entspann sich am Ende des Tages ein Diskurs über die lichtsicht – Projektions-Biennale, der bemerkenswert war

Eröffnung im Kurhaus
Die feierliche Eröffnungszeremonie im Kurhaus startete um 18:30 Uhr mit einem Sektempfang. Marion Carey-Yard, die Geschäftsführerin der lichtsicht ggmbh, begrüßte alle Gäste, bevor Rita Schwarzelühr-Sutter, Parlamentarische Staatssekretärin bei der Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit und Vorsitzende des Kuratoriums der DBU, mit Sitz in Osnabrück, ihre Festrede hielt. Sie betonte die „umweltgerechte und nachhaltige“ Versorgung der lichtsicht-Projektoren mit Wind- und Sonnenenergie. Bürgermeister Klaus Rehkämper lobte die große mediale Aufmerksamkeit in Presse, Funk und Fernsehen. Schließlich fand Peter Weibel, Kurator der lichtsicht 5, bildhafte und brillante Worte, um die Dimension und Bedeutung dieser Biennale zu verdeutlichen. Die Medienreflexion mittels intermedialer Strategien erklärte er anhand eines Fisches im Aquarium, der erst merkt, in welchem Medium er sich befindet, wenn er versehentlich aus dem Becken springt. Für seine Ausführungen bekam er reichliche Beifallsbekundungen vom Publikum.

Nach den Reden konnte man schon einen ersten Eindruck von den künstlerischen Arbeiten der beiden Star-Künstler der Biennale gewinnen. Auf einer dreiteiligen, bühnenfüllenden Projektionswand wurde das Video-Porträt „Lady Gaga, Flying“ vom weltbekannten, amerikanischen Künstler Robert Wilson aufgeführt. Die Pop-Ikone Lady Gaga hing, in traditioneller japanischer Bondage- Kunst gefesselt, von der Decke und deklamierte dazu einen sich immer wieder- holenden Sprechgesang, dessen Text Marquis de Sades Justine entnommen war: „The next day another turn came, and so it continued, always the same. Coitus, cries, curses, ejaculation, always the same.”

Nach dieser gewagten Performance folgte ein Ausschnitt aus der multi- medialen Videoarbeit des südafrikanischen Künstlers William Kentridge, „More Sweetly Play the Dance“, die auf komplexe Weise die Apartheid und damit ein politisches Thema auf der Biennale thematisiert. Zwischen den Projektionen brachten vier Musiker und eine Sängerin des Theaters Osnabrück das gesamte Auditorium zum Swingen und lockerten die Veranstaltung auf.

Startknopf
Gegen 20.30 Uhr begaben sich sowohl das Publikum als auch die Akteure Klaus Rehkämper, Bürgermeister von Bad Rothenfelde, Marion Carey-Yard, Rita Schwarzelühr-Sutter und Peter Weibel auf die Bühne vor dem Kurmittelhaus, um pünktlich um 21.00 Uhr gemeinsam den Startknopf zu drücken. Nach einigen Augenblicken, die dem Datenfluss der startenden Projektoren geschuldet waren, erstrahlten die Werke auf den Gradierwänden.

Kunstwerke
Wer seinen Rundgang an den Alten Gradierwerken begonnen hatte, wurde sogleich mit fremdartigen Schattenbildern, beschienen von zwei verschieden- farbigen Lichtquellen, konfrontiert. TIM OTTO ROTH führt mithilfe von 3D- Brillen vor Augen, welche dreidimensionalen Schattenspiele in Bad Rothenfelde zu erleben wären, wenn die Erde nicht von einer sondern von zwei Sonnen, einer roten und einer blauen, also „sterea skia“ beschienen würde. Viele Sonnensysteme des Universums haben mehr als nur eine Sonne.

Auf der Stadtseite des Alten Gradierwerkes kritisiert HOLGER FÖRTERER mit seinem „Feuerwall“ die digitale Datenüberwachung und bietet eine Lösung an, Fotos endgültig vom Smartphone zu löschen. Eine App lässt Fotos, die von den Besuchern hochgeladenen werden, nicht nur auf der Wand verbrennen, son- dern löscht diese auch auf den Smartphones. Dafür entstehen jedoch unvergessliche Bilder in der persönlichen Erinnerung der Betrachter.

Wer weiter zur Parkseite des Neuen Gradierwerkes läuft, kann wiederum selbst interaktiv mit seinem Smartphone an der Gestaltung der Klang- und Laser-Installation von LASACT mitwirken. Über eine Web-Applikation können BesucherInnen dieses „Crowd-Art-Kunstwerk“ mitgestalten. Je mehr mitmachen, desto harmonischer das Ergebnis.

Eine außergewöhnlich neue Seherfahrung bietet der Neuseeländer DANIEL CROOKS mit seiner Arbeit „A Garden of Parallel Paths“, in der er sich auf eine Kurzgeschichte über ein Zeit-Labyrinth des Autors Jorge Luis Borges bezieht. In der Tat findet sich der erstaunte Betrachter wieder in zeitlichen und räumlichen Parallel-Welten verschiedener Ansichten der Stadt Melbourne.

Weiter geht es mit einer Prozession von WILLIAM KENTRIDGE „More Sweetly Play the Dance“, die in einer multi-medialen Collage sowohl politisches Statement als auch poetische Zeichnung, tänzerische Performance und digitalen Totentanz suggeriert. Die mitreißende Musik einer südafrikanischen Brass-Band lässt die BesucherInnen Teil dieser berührenden Schatten-Prozession werden.

Am Ende dieser Wand erleben wir den „Marathon der Tiere“ eines deutschen Stars der Bühnen- und Lichtkunst, ROSALIE. Sie nutzte die Erfindung Jenaer Wissenschaftler um Prof. Dr. Martin S. Fischer, bewegte Röntgenbilder, also Röntgenvideos unterschiedlichster Tier-Gattungen zu schaffen. Durch ihre künstlerische Bearbeitung verwandeln sie sich in eine anrührende Bild-Ton- Animation, die zum Nachdenken über aussterbende Spezies - den Menschen eingeschlossen - anregen soll. Die elektronische Komposition von Ludger Brümmer „Spin Loop“ begleitet das Werk.

Begibt man sich an die Stirnseite des Neuen Gradierwerkes, erschrickt man fast vor Erstaunen. Dort tanzt eine geisterhaft anmutende, androgyne Figur, beste- hend aus Wasser auf einer Wasserfontäne zu ergreifend souliger Vokal-Musik. Der israelische Künstler EYAL GEVER schuf dort mithilfe neuester 3D- Simulationstechnik das bewegte Bild „Water Dancer“, einer Tänzerin aus Wasser (basierend auf einer Performance von Sharon Eyal), die sich zu dem Song „Overgrown“ von Another MP auf der Fontäne bewegt.

Die lange, der Stadt zugewandten Seite des Neuen Gradierwerkes teilen sich zwei Künstler im Wechsel. ROBERT WILSON zeigt hier seine „Video Portraits“. Darunter so berühmte Celebreties, wie Brad Pitt oder Princess Caroline of Monaco, aber auch Künstler, wie Zhang Huan und besondere Tierporträts. Auf den ersten Blick erscheinen sie uns als Fotoporträts oder Gemälde, aber plötzlich beginnen sie zu atmen und zu leben. Sie mutieren zu Tableaux vivants, Theater-Inszenierung vom Feinsten.

Dann wechselt die Szenerie und auch die Musik, die eine ganz wesentliche Rolle spielt in der Arbeit von RYOJI IKEDA. Der japanische Künstler und Komponist, der in der Welt der Quantenphysik zuhause ist, komponierte ein Bild- und Klang-Epos aus Radarbildern des Weltraums, dabei geht er bis an die Grenze des von Menschen wahrnehmbaren Universums, bis zu 46 Milliarden Lichtjahre entfernt.

An der Stirnseite des Neuen Gradierwerkes schließlich erwartet den Besucher eine weitere interaktive Arbeit, geschaffen von der Künstlergruppe RANDOM INTERNATIONAL. „Aspect (white)“ spielt mit der physischen Interaktion der Betrachter. Die Schatten ihrer Bewegungen werden mehrfach an die Wand geworfen und in Pixel, Linien und Farben zerlegt, sodass der Besucher dazu animiert wird, mit sich selbst durch seine Bewegungen zu kommunizieren.

Im lichtsicht Shop ist der Katalog zur lichtsicht 5, der im Kehrer Verlag erschienen ist, zum Subskriptionspreis von 29,90€ erhältlich. Er enthält einen Essay, umfangreiche Werktexte, zahlreiche Abbildungen sowie einen Link zur Videodokumentation der Biennale. (Autoren: Peter Weibel, Idis Hartmann, gestaltet von 2xGoldstein+Fronczek, 128 Seiten, 104 Farbabbildungen, Deutsch/Englisch, Buchhandelspreis 34,90€).

Schlussbemerkungen
Nach dem Rundgang gab es noch ein Come Together für alle beteiligten Künstler und Organisatoren. Es gipfelte in den Tischreden von Robert Wilson und Peter Weibel.

Robert Wilson brachte in seiner ruhigen aber dezidierten Art ein Gleichnis vor. Peter Weibel konterte und ergänzte in fast philosophischer Weise. Hier lesen Sie das Gedächtnisprotokoll von Peter Weibel zu diesem bemerkenswert Diskurs:

„Robert Wilson sagte am Abend der Eröffnung in Bad Rothenfelde in etwa und kurz gefasst, er habe am Anfang seiner Karriere, aus Texas kommend, bei Sibyl Moholy-Nagy Architektur in New York studiert. Eines Tages stellte Sibyl Moholy-Nagy ihren Studenten die Aufgabe, in drei Minuten eine Stadt zu zeichnen. Wilson habe einen Apfel mit einem Kristall-Kubus in der Mitte gezeichnet. Auf ihre Frage, was das denn solle, antwortete er, die Stadt sei eine Struktur, welche den Menschen mit Leben füllen solle. In der Mitte dieser Struktur befand sich jeweils eine Kirche, die versammelt und als Zentrum dient.

Hier in Bad Rothenfelde ist die Kunst, die Gradierwand, diese Kirche, weil sie viele Künstler aus vielen Ländern und vielen Sprachen versammelt. Eine Gemeinschaft braucht ein Zentrum, um die sie sich bildet. Früher war es die Kirche, heute ist es die Kunst. Sie ist interkulturell. Zitat Wilson: ,Politik und Religion trennen die Menschen. Die Kunst jedoch steht über allen Nationen und Religionen.ʼ

Ich erwiderte daraufhin: ,Ja, Bob, Du hast Recht: In Bad Rothenfelde versammelt sich alles um eine Kirche, aber diese Kirche ist nicht vertikal, sondern horizontal. Die Gradierwand ist eine horizontale Kirche der Kunst, um die sich dieser Ort versammelt und zentriert, weil dort Kunst stattfindet. Die Gradierwand ist eine Projektionsfläche, wie einst die Religion. Die Kunst verkörpert die Hoffnungen und Träume der Menschen, aber nicht wie früher in einer Spannung nach oben, sondern in der Horizontalen – zwischenmenschlich. Die französischen Philosophen Gilles Deleuze und Félix Guattari haben dafür das Wort „rhizomatisch“ verwendet. Normalerweise ist der Baum des Wissens und der Erkenntnis ein vertikales Symbol und man achtet auf den Gipfel des Baumes. Die beiden Philosophen haben dagegen erklärt, wichtig sei das Wurzelwerk, das sich im Boden horizontal verbreitet, das Netzwerk. Und in der Tat, die Gradierwand besteht aus einem Reisignetzwerk. Sie ist also eine rhizomatische Kirche. Du hast Recht, lieber Bob, in der Kunst spiegeln sich alle Kulturen, Sprachen, Nationen der Welt. Und weil wir bei der lichtsicht – Biennale so viele Künstler aus aller Welt haben, aus Neuseeland, Südafrika, Israel, Japan, England, Amerika und Deutschland, spiegelt sich auf der Gradierwand nicht nur die Kunst, sondern auch die Welt. Erlaube mir, dass ich Deine Gedanken, vervollständigt habe.ʼ“

Heinrich W. Risken, der Initiator und Gründer der lichtsicht – Projektions- Biennale, zeigte sich bewegt und berührt von diesen Worten, brachten sie doch seine Intention so präzise, klug und allumfassend auf den Punkt. Woraufhin Herr Risken allen Anwesenden die Geschichte der lichtsicht erzählte, angefangen von seiner Idee beim Anblick der winterdunklen Gradiermauern, über die ersten Schritte mit Paul Anczykowski bis hin zu den darauffolgenden lichtsichten unter der Kuratel von Manfred Schneckenburger, dem großen Documenta-Kurator.

Abschließend kam noch Manfred Schneckenburger selbst zu Wort, der symbolisch und verbal den Staffelstab der lichtsicht an Peter Weibel übergab. Das Eröffnungs-Wochenende brachte, trotz des suboptimalen Wetters, fast 11.000 Besucher nach Bad Rothenfelde. Die Bedeutung dieser hochrangigen Veranstaltung mit Alleinstellungsmerkmal hat in ihrem 10. Jahr die deutsche und internationale Kunstwelt erreicht. Man darf gespannt sein, was die nächsten Biennalen noch an Überraschungen und Innovationen bereithalten werden.

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